Bei der Arbeit

Die Arbeit mit der feinstmöglich geschliffenen Feder ist bei manchen Strukturen nur mehr mit der Lupe möglich.

Johann Pötz

geboren in Vorau, Studium an der Wiener Kunstschule für Malerei und Grafik. Diplom. Dann: Einrichtung einer Radierwerkstätte und eines Ateliers in Vorau. – Mit Ausstellungen in Spanien, Finnland, Bulgarien und Österreich. 

Eine zeitgenössische Ausstellung und gar nichts Digitales? (Nix? Niente? Nada? – Wahrscheinlich ist er nicht einmal postmodern – der Johann Pötz!?) Nur Linolschnitt, altmeisterliche Radierung und immer wieder die anachronistische Kunst der Zeichnung. Metallfeder und Papier. 

Man denke sich den Künstler im Atelierraum: Johann Pötz beginnt mit seinen Vorbereitungen. Sehe später die Stahlfeder hart, manchmal geschmeidig federnd oder heftig reißend – mit aufgesogener Tusche – über die Oberfläche fahren. In Schwarz oder Sepia. Auf einem glatten Zeichenblatt oder auf der geschliffenen Grundierung einer Leinwand. Die Metallfeder ist sein einziges Werkzeug. Diese technische Errungenschaft des 19. Jahrhunderts erliegt seinem Finderdruck und entlässt die Tusche in spitzer Feinlinigkeit, – ab- und anschwellend und meist in kurzen Strichlagen. 

Wahrscheinlich ist er hochkonzentriert, andererseits so routiniert, dass ein gewisser Automatismus eintritt: Zeichnet ein Liniengerüst, auf dem er sich aufhalten kann. Bespielt die Fläche kleinteilig bis sich der Wandel von der rein graphischen zur modellierten Federzeichnung einstellt. Vielleicht bildet sich dann – nach Tagen (oder länger), – das Ziel, – die „innere Zeichnung“ heraus.

Auf dem Zeichentisch liegt bis zum Ende die weiche Papierhaut. Geritzt und aufgekratzt verschließt sie mit Einfließen der Tusche ihre Schürfstellen. Anders der harte, blendend-weiße, kalte Kreidegrund: Der Widerstand gegen jede Art von Zeichenfeder hinterlässt fortwährende Versehrungen. Die Feder spinnt mit jedem Mal, jedem Strich, weitere, unbeabsichtigte, feine Oberflächenrisse. 

So entstehen höchst delikate Werke von fragilem Zauber. Poetische Werke, die unser Wertesystem in Frage stellen (-könnten): Obsessive Beharrlichkeit und Wertschätzung des Unscheinbaren kennt man eher von meditativen Übungen zur Schärfung der Sinne, als von geschäftigem Hintergrundrauschen penetranter Selbstdarstellung. Hier ist die Kunst die Zeit: Zweckfreies, das nach ökonomischen Maßstäben Wahnwitz ist. Die ausgestellten Blätter Dokumente vergangener Lebenszeit. 

Das Ergebnis wirkt wie etwas organisch Gewachsenes: Parallelschraffen in der Binnenzeichnung und räumliche Struktur, – keine Lavierung, Ausdünnungen, Licht und Schattenwerte. Es ist ein extrem verdichteter Zeitspeicher, in dem oft monatelange Arbeit steckt. Die Bildfindungen sind nahezu auratische Landschaften und Wabengitter, die einem so unfassbar erscheinen, wie von einem anderen Stern. Glanz, Erhebungen und Vertiefungen: Immer wieder geschieht das gleiche – und doch nie dasselbe. Was andere in den Wahnsinn triebe, beschriebe Johann Pötz wahrscheinlich als sein größtes Glück. (– Die Plackerei als einzig verbliebene Freiheit?) 

Das Thema der Arbeiten von Johann Pötz kann, muss aber nicht von Bedeutung sein: 

Ja, natürlich: Den Schlüsselreiz der Ausstellung bildet die Bestandsaufnahme menschenleerer Traumlandschaften und Raumvisionen. Das filigrane Liniennetz ist Ausdruck eines höchst beklemmenden Seelenzustandes und die gespiegelten Körpervolumen mehr als modellierte Inszenierungen. In den Bildern haben sich fortbestehende Wunden aus der Vergangenheit eingezeichnet – nur oberflächlich vernarbt. 

Wahrgenommen wird also, was dem „Ich“ entspricht. 

Eine Hypothese: Um die Arbeiten von Johann Pötz zu verstehen, sollte man sich beizeiten von der Vorstellung lösen, die aus der Psychotherapie kommt. Diese Vorstellung besagt, dass man sich die eigene Lebensgeschichte nur einmal anzusehen habe, um dann – quasi von ihr befreit – ein etwas glücklicheres Leben zu führen. Die Bilder von Johann Pötz beweisen just das Gegenteil. Hier hat Kunst keine therapeutische Funktion. Die Qual, das existentielle Leid, ist nicht das Thema, sondern die Voraussetzung des Werkes. 

Sehen Sie auf 4,4 cm2 Pötz, Johann! Vielleicht war dort das erste Aufsetzen der Feder zur Schraffur? (– Dort, wo sich die Komposition während des Zeichnens entwickelte?)

Walter Kratner (Kurator, Künstler) zu Arbeiten von Johann Pötz anlässlich einer Ausstellung 2015 
Die Druckwerkstatt

Gleich nach meinem Diplomabschluß 1997 habe ich mir eine Druckwerkstätte für Tief- und Hochdruck in Vorau eingerichtet. Mit 2 Pressen und allen sonstigen Zubehör, perfekt ausgestattet, ist sie mir bis heute ein Experimentierfeld für die vielen technischen Möglichkeiten im Tief- bzw. im Hochdruck. Das Bearbeiten der Metallplatten im Tiefdruck, in “Kaltnadeltechnik oder warmen Ätzverfahren“ ist eine permanente Herausforderung sowohl in technischer als auch in künstlerischer Hinsicht. Auch der Hochdruck insbesonders der Linolschnitt bietet mir viele Möglichkeiten küstl.-Vorstellungen umzusetzen. Teilweise werden Platten bis zu einer Größe von 80 x 120 cm, mit feinsten Linolschnittmessern bearbeitet.